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Die zweite Chance
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Überschüsse im Außenhandel wie im Staatsbudget, Rückkehr westlicher
Investoren - und die bahnbrechende Aufnahme in den Club der führenden
Wirtschaftsnationen: Hat Moskau es geschafft und ist nach Jahren des
Räuberkapitalismus nun auf dem Weg zur sozialen Marktwirtschaft?
In der Verklärungskathedrale nahe des hübschen Altstadtkerns von Wyborg
zünden Babuschkas Kerzen an, dass es weiter aufwärts gehen möge. In der Bar
„Champion", dem coolsten Treff der Neustadt, prosten sich Jugendliche mit
Caipirinha auf bessere Zeiten zu. Die Hoffnung hat hier am Finnischen
Meerbusen einen Namen: „AG Zellulose".
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Das Papierwerk von Wyborg blickt auf eine dramatische Geschichte zurück.
1926 gegründet von Deutschen, wurde es eines der Vorzeige-Kombinate Stalins und
Breschnews. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR rissen sich windige Geschäftemacher
aus dem Westen die Fabrik unter den Nagel, trieben sie in den Ruin. Die Belegschaft
streikte, verjagte die Neuen, rief einen „volkseigenen Betrieb" aus. Doch
der wurde zum wirtschaftlichen Fiasko - bis im Jahr 2000, von aufgehetzten
Arbeitern mit Drohungen und Fausthieben begrüßt, russische Investoren übernahmen: der ehemalige Pelzjackenverkäufer
Alexander Sabadasch und der Aluminiumhändler Alexej Schmargunenko.
Die beiden Herren erwiesen sich trotz ihrer dubiosen Vergangenheit als
tatkräftige Unternehmer. Es wird investiert, die Auftragsbücher sind voll, die
Löhne - immer noch niedrig - kommen pünktlich.
Ganz ähnlich ist die Stimmung in
Akademgorodok, 3200 Kilometer östlich gelegen: ein trotziges Trotz-alledem.
Der Kreml hatte die Stadt in Sibirien 1957 speziell für Spitzenwissenschaftler
gegründet, die vor allem mit ihren militärischen Forschungen der Sowjetunion
den Status als Supermacht sichern sollten. In den Neunzigern wurde
Akademgorodok zum Symbol für den Verfall: Regierungszuschüsse blieben aus, die
besten Köpfe wanderten ab, Laboratorien verfielen. Heute nennt man das Gebiet
um das ehemalige Wissenschaftler-Städtchen „Silicon Taiga", denn in einigen
der verlassenen Institute haben sich neue Softwarefirmen etabliert.
Wladimir Waschtschenko, 36, ist
Mitbegründer von Nowosoft, eines Computerunternehmens, das inzwischen für
Multis wie IBM arbeitet. Die meisten der knapp 500 Mitarbeiter sind unter 30.
Eine „neue Mittelklasse" entstehe durch die Firma in und um Akademgorodok,
meint der Chef kühn. „Wir helfen dabei, ein neues Russland
aufzubauen."
Sind
die westrussische Papierfabrik und das sibirische Silicon Taiga Musterbeispiele
dafür, dass sich im exkommunistischen Reich nun überall die „guten"
Kapitalisten durchsetzen - oder sind sie nur Oasen in einer Wüste? Könnte das
sein: Moskaus Wirtschaft, zehn Jahre nach dem Zusammenbruch des Sowjetstaates
und einem leidvollen Transformationsprozess, in dem sich skrupellose
Räuberkapitalisten riesige.
Vermögen unter die Nägel rissen - auferstanden aus Ruinen?
Beim Gipfel der größten Industriestaaten
kam für Moskau am 27. Juni der Durchbruch: Russland erhielt mit 20 Milliarden
Dollar nicht nur eine satte Finanzspritze zur Entsorgung seines Atomwaffenmülls,
sondern wurde in den Club der Reichsten und Wichtigsten aufgenommen, die Nummer
acht - und darf als Vollmitglied im Jahr 2006 das Treffen der mächtigsten
Staaten der Erde ausrichten.
Entwicklungen und Zahlen, die Mut machen:
Der Haushalt ist im Plus, und es gibt einen Außenhandelsüberschuss. Die Börse
boomte im letzten Jahr wie keine andere auf der Welt und hat trotz kürzlicher
Rückschläge seit Anfang dieses Jahres um fast ein Viertel zugelegt. Schon 70
Prozent aller ökonomischen Leistungen erwirtschaftet der private Sektor. 2002
wird es im vierten Jahr nacheinander ein deutliches Wirt schaftswachstum
geben, wenngleich in der Tendenz mit knapp vier Prozent gegenüber 2001 leicht
fallend. „Die Russen kommen!", posaunte das amerikanische Wirtschaftsmagazin
„Fortune" in die Welt hinaus - und das sei keine düstere Drohung wie zu
Zeiten des Kalten Krieges, sondern eine willkommene Verheißung: „Gott sei
Dank."
Für die Russen wohl wichtiger ist:
Die Ausländer kommen. Zwar hinken die Investitionen des Westens in Moskau noch
weit hinter denen in Peking zurück, aber einige große Firmen engagieren sich
wieder im großen Stil. Beispielsweise British Petroleum. Im April kaufte sich
BP mit 375 Millionen US-Dollar beim sibirischen Ol-und Gasproduzenten Sidanco
ein. Mitte der Neunziger hatten die Engländer schon einmal in dieselbe Firma
investiert, verloren die Hälfte ihrer eingesetzten 480 Millionen Dollar.
Moskau habe sich jetzt zum Positiven verändert, verkündeten die BP-Bosse.
So möchten es offensichtlich auch
westliche Politiker sehen. Die Handelsriesen EU und USA vollzogen Ende Mai, nur
wenige Tage voneinander getrennt, einen Paradigmenwechsel: Sie verliehen
Russland den offiziellen Status einer Marktwirtschaft. Für Moskau hat das über
die Anerkennung des Reformkurses hinaus konkrete Vorteile, Exportbeschränkungen
fallen, eine der wichtigsten Voraussetzungen für
einen Beitritt zur WHO ist erfüllt. EU-Kommissionspräsident Romano Prodi hat
den Russen die Aufnahme in den Club der privilegierten Handelsnationen - zu
denen die Volksrepublik China seit November letzten Jahres gehört - bereits
in Aussicht gestellt.
Und besonders entgegenkommend
zeigen sich die Deutschen. Gerhard Schröder erließ seinem Duzfreund Wladimir
Putin in einem großzügigen Deal den Löwenanteil der umstrittenen
DDR-Alt-schulden. Der Bundeskanzler schuf mit der Klärung eines anderen
Streitfalls die Voraussetzung für neue Hermes-Bürgschaften, die deutschen
Unternehmern künftig das Engagement in Russland wieder erleichtern sollen.
Der Kreml versucht von sich aus, mit
einigen geradezu revolutionär anmutenden Reformen das Investitionsklima zu
verbessern. Putins Mannschaft erhebt seit Anfang 2001 eine einheitliche Einkommensteuer
von 13 Prozent. Im ersten Quartal 2002 stiegen die Steuereinnahmen um 8,9
Prozent. Russische Bürger, die seit 1993 Wohnraum kaufen dürfen, sollen
demnächst auch Agrarland erwerben und veräußern können - ein entsprechender
Regierungsentwurf wurde Ende Juni von der Duma angenommen. Die Kommunisten
malten das Schreckgespenst vom „Ausverkauf der Mutter Heimat" an die
Wand, erzwangen aber nur eine wichtige Konzession: Ausländer dürfen Bauernland
nicht besitzen, sondern nur pachten. Und selbst diese Einschränkung soll
vielleicht „später überdacht" werden.
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