Der Spiegel, #34, 19.8.02
Erich Follath, Uwe Klussmann

Die zweite Chance

Überschüsse im Außenhandel wie im Staatsbudget, Rückkehr westlicher Investoren - und die bahnbrechende Aufnahme in den Club der führenden Wirtschaftsnationen: Hat Moskau es geschafft und ist nach Jahren des Räuberkapitalismus nun auf dem Weg zur sozialen Marktwirtschaft?

In der Verklärungskathedrale nahe des hübschen Altstadtkerns von Wyborg zünden Babuschkas Kerzen an, dass es weiter aufwärts gehen möge. In der Bar „Champion", dem coolsten Treff der Neu­stadt, prosten sich Jugendliche mit Caipirinha auf bessere Zeiten zu. Die Hoffnung hat hier am Finnischen Meerbusen einen Namen: „AG Zellulose".

Das Papierwerk von Wyborg blickt auf eine dramatische Geschichte zurück. 1926 gegründet von Deutschen, wurde es eines der Vorzeige-Kombinate Stalins und Bre­schnews. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR rissen sich windige Geschäftema­cher aus dem Westen die Fabrik unter den Nagel, trieben sie in den Ruin. Die Beleg­schaft streikte, verjagte die Neuen, rief ei­nen „volkseigenen Betrieb" aus. Doch der wurde zum wirtschaftlichen Fiasko - bis im Jahr 2000, von aufgehetzten Arbeitern mit Drohungen und Fausthieben begrüßt, russische Investoren übernahmen: der ehe­malige Pelzjackenverkäufer Alexander Sabadasch und der Aluminiumhändler Alexej Schmargunenko.

Die beiden Herren erwiesen sich trotz ihrer dubiosen Vergangenheit als tatkräfti­ge Unternehmer. Es wird investiert, die Auftragsbücher sind voll, die Löhne - im­mer noch niedrig - kommen pünktlich.

Ganz ähnlich ist die Stimmung in Akademgorodok, 3200 Kilometer östlich gele­gen: ein trotziges Trotz-alledem. Der Kreml hatte die Stadt in Sibirien 1957 speziell für Spitzenwissenschaftler gegründet, die vor allem mit ihren militärischen Forschungen der Sowjetunion den Status als Supermacht sichern sollten. In den Neunzigern wurde Akademgorodok zum Symbol für den Ver­fall: Regierungszuschüsse blieben aus, die besten Köpfe wanderten ab, Laboratorien verfielen. Heute nennt man das Gebiet um das ehemalige Wissenschaftler-Städtchen „Silicon Taiga", denn in einigen der ver­lassenen Institute haben sich neue Soft­warefirmen etabliert.

Wladimir Waschtschenko, 36, ist Mitbe­gründer von Nowosoft, eines Computer­unternehmens, das inzwischen für Multis wie IBM arbeitet. Die meisten der knapp 500 Mitarbeiter sind unter 30. Eine „neue Mittelklasse" entstehe durch die Firma in und um Akademgorodok, meint der Chef kühn. „Wir helfen dabei, ein neues Russ­land aufzubauen."

Sind die westrussische Papierfabrik und das sibirische Silicon Taiga Musterbeispie­le dafür, dass sich im exkommunistischen Reich nun überall die „guten" Kapitalisten durchsetzen - oder sind sie nur Oasen in ei­ner Wüste? Könnte das sein: Moskaus Wirtschaft, zehn Jahre nach dem Zusam­menbruch des Sowjetstaates und einem leidvollen Transformationsprozess, in dem sich skrupellose Räuberkapitalisten riesige.

Vermögen unter die Nägel rissen - aufer­standen aus Ruinen?

Beim Gipfel der größten Industrie­staaten kam für Moskau am 27. Juni der Durchbruch: Russland erhielt mit 20 Milli­arden Dollar nicht nur eine satte Finanz­spritze zur Entsorgung seines Atomwaf­fenmülls, sondern wurde in den Club der Reichsten und Wichtigsten aufgenommen, die Nummer acht - und darf als Vollmit­glied im Jahr 2006 das Treffen der mäch­tigsten Staaten der Erde ausrichten.

Entwicklungen und Zahlen, die Mut ma­chen: Der Haushalt ist im Plus, und es gibt einen Außenhandelsüberschuss. Die Börse boomte im letzten Jahr wie keine andere auf der Welt und hat trotz kürzlicher Rück­schläge seit Anfang dieses Jahres um fast ein Viertel zugelegt. Schon 70 Prozent al­ler ökonomischen Leistungen erwirtschaf­tet der private Sektor. 2002 wird es im vier­ten Jahr nacheinander ein deutliches Wirt­ schaftswachstum geben, wenn­gleich in der Tendenz mit knapp vier Prozent gegenüber 2001 leicht fallend. „Die Russen kommen!", posaunte das amerikanische Wirt­schaftsmagazin „Fortune" in die Welt hinaus - und das sei keine düstere Drohung wie zu Zeiten des Kalten Krieges, sondern eine willkommene Verheißung: „Gott sei Dank."

Für die Russen wohl wichtiger ist: Die Ausländer kommen. Zwar hinken die Investitionen des Wes­tens in Moskau noch weit hinter denen in Peking zurück, aber ei­nige große Firmen engagieren sich wieder im großen Stil. Beispiels­weise British Petroleum. Im April kaufte sich BP mit 375 Millionen US-Dollar beim sibirischen Ol-und Gasproduzenten Sidanco ein. Mitte der Neunziger hatten die Engländer schon einmal in diesel­be Firma investiert, verloren die Hälfte ihrer eingesetzten 480 Mil­lionen Dollar. Moskau habe sich jetzt zum Positiven verändert, ver­kündeten die BP-Bosse.

So möchten es offensichtlich auch westliche Politiker sehen. Die Handelsriesen EU und USA vollzogen Ende Mai, nur weni­ge Tage voneinander getrennt, ei­nen Paradigmenwechsel: Sie ver­liehen Russland den offiziellen Status einer Marktwirtschaft. Für Moskau hat das über die Aner­kennung des Reformkurses hin­aus konkrete Vorteile, Exportbe­schränkungen fallen, eine der wichtigsten Voraussetzungen für einen Beitritt zur WHO ist erfüllt. EU-Kommissionspräsident Romano Prodi hat den Russen die Auf­nahme in den Club der privile­gierten Handelsnationen - zu de­nen die Volksrepublik China seit Novem­ber letzten Jahres gehört - bereits in Aus­sicht gestellt.

Und besonders entgegen­kommend zeigen sich die Deutschen. Gerhard Schröder erließ seinem Duzfreund Wla­dimir Putin in einem großzü­gigen Deal den Löwenanteil der umstrittenen DDR-Alt-schulden. Der Bundeskanzler schuf mit der Klärung eines anderen Streitfalls die Voraus­setzung für neue Hermes-Bürgschaften, die deutschen Unternehmern künftig das Engagement in Russland wie­der erleichtern sollen.

Der Kreml versucht von sich aus, mit einigen geradezu revolutionär anmutenden Re­formen das Investitionsklima zu verbessern. Putins Mannschaft erhebt seit Anfang 2001 eine einheitliche Ein­kommensteuer von 13 Prozent. Im ersten Quartal 2002 stiegen die Steuereinnahmen um 8,9 Prozent. Russische Bürger, die seit 1993 Wohnraum kaufen dürfen, sollen demnächst auch Agrarland erwerben und veräußern können - ein entsprechender Regierungsentwurf wurde Ende Juni von der Duma angenommen. Die Kommunis­ten malten das Schreckgespenst vom „Aus­verkauf der Mutter Heimat" an die Wand, erzwangen aber nur eine wichtige Kon­zession: Ausländer dürfen Bauernland nicht besitzen, sondern nur pachten. Und selbst diese Einschränkung soll vielleicht „später überdacht" werden.