Rainer Schmiedchen, Nowosibirsk, Januar 2000

Wirtschaftsraum Sibirien — Chancen und Risiken für westliche Engagements

1. Allgemeine politische und wirtschaftliche Situation

Zunächst sei darauf hingewiesen, daß es "den Wirtschaftsraum Sibirien" im Sinne eines speziellen Wirtschaftsgebietes nicht gibt und in absehbarer Zeit wohl auch nicht geben wird, denn Sibirien ist politisch und ökonomisch eng mit dem euro­päischen Teil Rußlands verbunden. Da östlich des Baikalsees (Ostsibirien) nur sehr vereinzelt attraktive Wirtschaftsstandorte existieren, konzentrieren sich die folgenden Ausführungen auf das Gebiet zwischen Ural und Baikal (Westsibirien). Dieses Territorium umfaßt weitgehend die 19 Subjekte der Russischen Föderation (Regionen), die sich in der Regionalvereinigung "Sibirisches Abkommen" (SiAb) zusammengeschlossen haben. Hier leben auf ca. 38 Prozent des russischen Staatsgebietes etwa 17 Prozent (25 Mio.) der russischen Bevölkerung. Über 60 Prozent der bekannten Rohstoff­vorkommen Rußlands lagern in Westsibirien 1[1], das abgesehen von seinem Reichtum an Energie und Bodenschätzen ein heterogenes Wirtschaftsgebiet mit z.T. weltbekannten Produktions- und Wissenschaftsstandorten darstellt. Die Kusbassregion mit ihrer Kohle- und Chemieindustrie sowie der Schwarzmetallurgie, der Maschinenbau und die Rüstungs- und Raketentechnik in Nowosibirsk und Omsk, die Tomsker Nu­klearanlagen, die Aluminium- und Buntmetallstandorte Krasnojarsk und Norilsk sowie die in Nowosibirsk angesiedelten Institute der Sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften (SORAN) gehörten und ge­hören zu den wichtigsten Säulen der sowjetischen bzw. russischen Industrie.

Abgesehen vom riesigen Rohstoff- und Wirtschaftspotential Sibiriens darf wohl auch auf die stets bewiesene Innovationskraft der Sibirier hingewiesen werden, die die Etablierung der o.g. Standorte seit etwa 1940 unter z.T. sehr schwierigen wirtschaftlichen, politischen und klimatischen Bedingungen bewerkstelligten. Die sibirischen Regionen streben nach mehr Finanzautonomie und drängen auf eine Neugestaltung des "Finanzföderalismus", insbesondere auf eine "gerechtere Steuerverteilung" zwischen Moskau als föderalem Zentrum und den Föderationssubjekten. Zentrifugale Tendenzen sind im Verhältnis zwischen Moskau und den Regionen jedoch kaum zu erkennen.

Sibirien kann als politisch ruhig und stabil bezeichnet werden. Die Gouverneure der sibirischen Regionen sind demokratisch gewählt und z.T. wiedergewählt worden. Beunruhigende Konflikte mit oppositionellen Kräften oder Minderheiten sind nicht auszumachen. Die Arbeitslosigkeit liegt in den sibirischen Regionen mit offiziell drei bis acht Prozent teilweise deutlich unter russischem Durchschnitt, u.a. wohl deshalb, weil die Lohnkosten geringer als im europäischen Teil Rußlands sind. Soziale Konflikte münden kaum in gewerkschaftliche Aktivitäten. Zu öffentlichkeitswirksamen Streik­aktionen, erinnert sei an die wiederholten Besetzungen der Transsibirischen Eisenbahn durch protestierende Bergleute der Kusbassregion, ist es seit Ende 1998 nicht mehr gekommen. Dies auch deshalb, weil es in den Regionaladministrationen weithin gelungen ist, Lohnrückstände der Beschäftigten des öffentlichen Dienstes abzubauen, und in einigen Industriezweigen (insbesondere in der Kusbasser Kohleindustrie) sozialverträgliche Umstrukturierungen eingeleitet wurden. Auch das energische Einschreiten der Gebietsadministrationen (z.B. Krasnojarsk und Kemerowo) gegen Wirtschaftskriminalität sowie gegen behördlichen Unterschleif hat nicht unerheblich zu einer gewissen Verbesserung der sozialen Situation der Bevölkerung in den sibirischen Regionen beigetragen.

Im Ergebnis der makroökonomischen Veränderungen nach 70 Jahren Wirtschaftslenkung durch staatliche Behörden im entfernten Moskau ist der Anteil Sibiriens am gesamten russischen BSP von 17% 1990 auf 25% 1998 gestiegen. Dies liegt nicht nur am hohen Anteil Sibiriens an der russischen Rohstoff- und Brennstoffproduktion (Öl- und Gasexporte) sondern auch daran, daß Wirtschaftsstandorte in Sibirien sich auf Grund der großen Entfernungen nicht in dem Maße wie Standorte im europäischen Teil Rußlands ausländischer Konkurrenz ausgesetzt sahen. Außerdem gelang es sibirischen Unternehmen relativ gut, Märkte in prosperierenden Teilen Asiens zu erhalten bzw. neu zu erschließen. Eine stabile Entwicklung der Weltwirtschaft und der internationalen Rohstoffpreise vorausgesetzt, können sibirische Regionen zukünftig steigende Einnahmen sowohl durch Rückflüsse aus Moskau als auch aus eigenen Exporten erzielen, was zu guten Ausgangsbedingungen für überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum führen dürfte. Allerdings retardieren die drängendsten Probleme der russischen Wirtschaft – konsequente Privatisierungen, Restrukturierung des Bankensektors und Konversion des militärisch-industriellen Komplexes - auch die Entwicklung sibirischer Unternehmen.

Das Resultat der Wahlen zur föderalen Duma vom Dezember 99 könnte jedoch auf eine Beschleunigung des Transformationsprozesses hindeuten. Von einer Tagung des SiAb zum Thema Konversion (Ende Januar 2000) in Omsk werden Empfehlungen bzw. Konzepte über die zukünftige Nutzung des Potentials ehemaliger sibirischer Rüstungsbetriebe erwartet. Im Ergebnis dürfte sich der Handlungsspielraum solcher Betriebe bezüglich Kooperationen mit ausländischen Partnern erweitern. Premierminister Putin nannte in einer Rede vor der Duma am 24.11.99 eindrucksvolle Zahlen, die a priori auf wachsende Chancen ausländischer Investoren hindeuten: Das BIP-Wachstum im Vergleich zum Vorjahr werde 1999 1,5 bis 2 Prozent und das Wachstum der industriellen Produktion 7,5 Prozent betragen. Rußland habe 1999 einen Außenhandelsüberschuß von 21,5 Mrd. US-Dollar sowie einen zweiprozentigen Primärüberschuß im Staatshaushalt erzielt. Diese Angaben werden z.T. durch den IWF bestätigt, der im 2. Halbjahr seine Wachstumsprognose für Rußland für 1999 von –2 Prozent auf +1,5 Prozent korrigierte und für das erste Halbjahr 1999 ein Wachstum der russischen Industrieproduktion von 3,1 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum konstatierte. Die vorgenannten Zahlen bedürfen eines kritischen Kommentars, denn die russische Währung hat trotz derzeitiger Kursstabilisierung innerhalb des vergangenen Jahres zirka drei Viertel ihres Außenwertes eingebüßt. Insoweit basieren die Wachstumsdaten zu einem gewissen Teil auf "Abwertungswachs­tum". Auch wird der Produktionsanstieg in Rußland z.Zt. nicht durch Zunahme des privaten Konsums und der Investitionen getragen, sondern zum großen Teil durch wertmäßig gestiegene Rohstofferzeugung [2]. Dennoch sind Fachleute insgesamt der Ansicht, daß sich die russische respektive sibirische Wirtschaft seit Jahresbeginn 1999 stabilisiert habe. Die Talfahrt der Realwirtschaft sei gestoppt. Die politischen Rahmenbedingungen zur Einbindung der "Schattenwirtschaft", deren Wertschöpfung etwa der der Realwirtschaft entspreche, seien nunmehr gegeben.

2. Für Kooperationsvorhaben besonders geeignete Wirtschaftsbereiche

Im folgenden seien einige hoffnungsvolle Geschäftsfelder dargestellt, in denen für deutsche Firmen zur Zeit gute Voraussetzungen für verschiedene Formen der Zusammenarbeit mir russischen Partnern in Sibirien bestehen. Sibirische Exportunternehmen – zumeist Hersteller von Rohstoffen oder Halbfertigprodukten – haben in Zusammenhang mit der Rubelabwertung seit 17.8.98 überdurchschnittliche Gewinne erzielt, denn feste Preise auf den Weltrohstoffmärkten, d.h. gestiegene Erlöse aus Rohstoffexporten, gingen für sie einher mit tendenziell sinkenden (Rubel-) Kosten. Finanzstärke und Investitionsbedarf solcher Exportunternehmen bieten ausländischen Firmen sehr gute Absatz- und Kooperationsmöglichkeiten.

Verschiedene deutsche High-tech-Anbieter, speziell solche deutschen Firmen, die in den Bereichen Industrieautomation, Steuerungstechnik und – im begrenzten Rahmen – Anlagenexport Komplettlösungen für exportorientierte sibirische Industriegiganten anbieten, konnten in jüngster Vergangenheit hochprofitable Geschäftsbeziehungen zu sibirischen Käufern aufbauen. Zu ihren Abnehmern gehört z.B. "Norilsk Nickel", ein Buntmetallkombinat, Hersteller fast aller seltenen Metalle des Periodensystems, das einschließlich Zulieferer und Support ca. 100.000 Mitarbeiter beschäftigen dürfte. Weitere derartige Unternehmen sind die Aluminiumkombinate in Bratsk, Krasnojarsk, Sajanogorsk, und Nowokusnjetzk. Diese Hersteller energieintensiver Produkte müssen ständig parallel zu den steigenden Energiekosten Mo­­dernisierungsinvestitionen vornehmen, um weiterhin rentabel produzieren zu können. Gleiches gilt für Unternehmen wie das Schwarzmetallurgiekombinat SapSib und das Kusnjetzki-Metallkombinat (Stahl) in Nowokusnjetzk oder Ammoniakhersteller in Kemerowo, die mit Stickstoffdüngern oder Kaprolaktam auf den Märkten in Südostasien die für Modernisierungsinvestitionen nötigen Einnahmen in US-Dollar erzielen.

Vertreter in Westsibirien bereits tätiger deutscher Firmen schätzen ein, daß die Investitionsrate in sibirischen Großbetrieben bisher nur ca. fünf Prozent des Umsatzes beträgt (in Deutschland ca. 20-30%). Dieses Geschäftspotential müßte für Anbieter aus Deutschland insoweit noch attraktiver sein, als beispielsweise japanische Unternehmen in Westsibirien bisher kaum Fuß gefaßt haben und die hier bestehende Deutschfreundlichkeit durchaus als relevanter Faktor für zusätzliche Geschäftsmöglichkeiten gelten kann.

Mit der starken Rubelabwertung seit August 98 kam es in einigen Wirtschaftszweigen zu umfangreichen Importsubstitutionen. Gute Geschäftsmöglichkeiten in diesen Zwei­­gen führten schnell zu einem Investitionsbedarf, der durch russische Firmen – nicht nur aus Kapazitäts-, sondern auch aus Qualitätsgründen – nicht befriedigt werden konnte. So ging beispielsweise das wechselkursbedingte Ausscheiden ausländischer Hersteller von Nahrungsmitteln aus dem sibirischen Markt zunächst mit Versorgungsengpässen und stark gestiegenen Preisen einher. Schnell wurde jedoch deutlich, daß sibirische Her­steller von Nahrungsmitteln und Verarbeitungsbetriebe landwirtschaftlicher Produkte erzielte Mehreinnahmen zu umfangreichen Investitionen im Rahmen des Ausbaus ihrer Kapazitäten (Importsubstitution) nutzten.

Besonderes Interesse besteht an energiesparenden Produktionsverfahren, Ein­satz von Enzymen für die Lebensmittelherstellung, biotechnologischen Herstellungsmethoden etc. Ausländische Hersteller von Ausrüstungen für die Landwirtschaft und die Lebensmittelindustrie einschließlich Verpackungs­mittelhersteller erlebten seit Anfang 1999 in Sibirien einen Nachfrageboom, der nach Expertenmeinung mittelfristig anhalten dürfte. Wie groß das Interesse an ausländischen Investitionen beispielsweise in Produktionsvorhaben von Landmaschinen 1[3]1 ist, zeigt sich u.a. in der großen Aufmerksamkeit, die die Administrationen in Krasnojarsk und in Kemerowo und die sibirischen Medien allein der Tatsache widmen, daß die deutsche Firma Krone gegenwärtig mögliche Produktionsstandorte – auch in Sibirien – untersucht. Die Altaier Firma Kaskad montierte und verkaufte 1999 die ersten 20 Deutz-Mähdrescher und schätzt allein den kurzfristigen Bedarf in der Region auf ca. 500 Einheiten.

Ähnliches gilt für das Bauwesen, das wohl zu den sibirischen Wirtschaftszweigen gehört, die durch die seit August 98 verstärkt sichtbar gewordene russische Wirtschaftskrise am wenigsten betroffen wurden. Insbesondere im Bereich technische Gebäudeausstattung bieten sich auch ausländischen Firmen günstige Geschäftsmöglichkeiten. Dies wird beispielsweise durch ungewöhnlich hohes Publikums- und Ausstellerinteresse an den sibirischen Baumessen belegt. Waren 1998 deutsche Aussteller – ausschließlich KMU - auf der jährlich im Februar stattfindenden internationalen Baumesse "Stroisib" 141 noch der Ansicht, daß an eine Produktionsaufnahme in Rußland nicht zu denken sein könne und man sich auf den Verkauf von Komponenten für die Herstellung von Türen und Fenstern, die von sibirischen Firmen montiert werden, auf den Verkauf von Heizungsanlagen, Tapeten, Fliesen, Badzubehör etc. sowie auf den Verkauf von kleineren Baumaschinen beschränken könne, so waren sie während der "Stroisib-99" einhellig der Meinung, daß der reine Export von Artikeln für das Bauwesen von Deutschland nach Rußland zwar zunächst weiterlaufe, es aber nötig sei, schneller als geplant Produktionsstätten für die bisher aus Deutschland nach Rußland exportierten Baustoffe bzw. Zulieferartikel in Rußland zu schaffen.

Die Absatzmöglichkeiten für Erzeugnisse zur technischen Gebäudeausstattung seien quasi unbegrenzt und würden ein Produktionsengagement in Sibirien rechtfertigen. Gute Geschäfte könnten auch mit Sicherheitstechnik, Schließsystemen und Zulieferungen für die hiesige Möbelindustrie gemacht werden. Sehr begehrt seien in Sibirien überdies gebrauchte Anlagen für das Bauwesen und gebrauchte Baumaschinen aus Deutschland. Sibirische Politiker widmen dem Bauwesen traditionell hohe Aufmerksamkeit, denn dieser Wirtschaftszweig gilt auch jenseits des Ural als Impulsgeber für die gesamte übrige Industrie. Gemäß statistischen Angaben steht das Bauwesen in den sibirischen Regionen für durchschnittlich sieben Prozent der Brutto-Wertschöpfung. Viele sibirische Baufirmen gelten als sehr konkurrenzfähig und wenden oft neueste - zumeist deutsche - Technologien an. Große Anerkennung findet übrigens der bisherige Beitrag, den Deutschland und deutsche Firmen bei der Fortentwicklung des sibirischen Bauwesens vom Technologietransfer über die Realisierung gemeinsamer Bauvorhaben bis hin zur Fortbildung sibirischer Baumanager geleistet haben.

Für eine anhaltende Baukonjunktur in Sibirien sprechen neben dem großen Wohnungsmangel und einem überdurchschnittlich hohen Anteil von Wohneigentum am Gesamtwohnungsbestand (Modernisierungsinvestitionen) auch dringend gesuchte ausländische Engagements für Infrastrukturprojekte in Sibirien. Größere Projekte der Flughafenmodernisierung 1[5] an denen sich dem Vernehmen nach auch kompetente deutsche Firmen beteiligen wollen, sind beispielsweise in den sibirischen Millionenstädten Omsk, Irkutsk, Krasnojarsk und Nowosibirsk in Planung. Bei solchen Projekten handelt es sich zumeist um Vorzugsprojekte der jeweiligen politischen Administrationen, für die z.T. bereits ausländische Finanzierungen zur Verfügung stehen. Auch die allerorten dringend notwendige Sanierung bzw. der Neubau von Infrastruktureinrichtungen, Kraftwerken, Heizkraftwerken und städtischen Netzen (Wasser, Abwasser, Energie und Telefon) dürften der sibirischen Bauindustrie und kooperationswilligen ausländischen Bau- und Ausrüstungsberieben in den kommenden Jahren ausgezeichnete Geschäftsmöglichkeiten bescheren.

Als sehr fruchtbar könnten sich in ausgewählten Bereichen wissenschaftliche Kooperationen mit Partnern in Sibirien erweisen. Obwohl viele sibirische Forschungsinstitute besonders stark von der schlechten Ausstattung der öffentlichen Kassen und von ausbleibenden Rüstungsaufträgen betroffen sind 1[6], ist es einigen Instituten gelungen, ihre Forschungsergebnisse erfolgreich zu vermarkten bzw. in Kooperation mit Partnern aus Westeuropa marktfähige Produkte anzubieten. Allein in Nowosibirsk existieren zur Zeit 37 wissenschaftliche Forschungsinstitute der Sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften (SORAN). Diese wenden sich nicht erst in jüngster Zeit verstärkt der angewandten Forschung zu und sind aktiv bemüht, durch Aufträge aus der in- oder ausländischen Industrie eigene Gelder zu erwirtschaften, um von staatlichen Fördermitteln unabhängig zu werden.

Sieben internationale Forschungszentren sind in Zusammenarbeit von führenden Instituten der SORAN und ausländischen Partnern gegründet worden. Eine Reihe von Spin-off-Unterneh­men dieser Forschungszentren und Institute konnte sich in verschiedenen Geschäftsfeldern im Markt etablieren. Der hohe Qualifizierungsstand sibirischer Softwareingenieure in Zusammenhang mit Lohnkosten, die durchschnittlich ein Fünftel derer in Deutschland betragen, hat bereits in "Softwareschmieden" westlicher Industriestaaten Aufmerksamkeit hervorgerufen. Die Nowosibirsker Technische Universität bringt nach Ansicht deutscher Fachleute ausgezeichnete Softwarespezialisten und Programmierer hervor. Zitiert sei an dieser Stelle der Manager eines deutschen Elektronikkonzerns: "Nowosibirsker Softwareingenieure zeigen uns, daß unsere Technik mit Programmen aus Sibirien teilweise mehr kann, als wir vermutet hätten". Auch mit Spezialisten in Tomsk bestehen bereits etablierte deutsch-sibirische Gemeinschaftsprojekte der Softwareentwicklung. Es ist kein Geheimnis, daß die Möglichkeit, ein Produkt quasi per elektronischer Post zu exportieren, für deutsche Firmen zusätzliche Anreize zur Ausnutzung von Kostenvorteilen durch Fertigung in Rußland bietet.

Ein anderer Aspekt verdient die Aufmerksamkeit solcher deutschen Firmen, die an Kooperationen mit russischen Softwarespezialisten interessiert sind: Leistungsfähige Großunternehmen und auch die Akademieinstitute der SORAN verfügen wegen der hier traditionell großen Fertigungstiefe in der Regel über eigene Datenverarbeitungsabteilungen, mit Spezialkenntnissen über EDV-Anwendungen in den jeweiligen Tätigkeitsfeldern der Unternehmen bzw. Institute. Bei der Suche nach Softwarelösungen für Spezialthemen könnten "Software-Generalisten" in Deutschland möglicherweise adäquate Partner in den Softwareabteilungen russischer Unternehmen der jeweiligen Branche finden.

Als besonderes Problem des "Wirtschaftsraumes Sibirien" erweist sich die Konversion ehemaliger Rüstungsbetriebe. Obwohl genaue Zahlen verständlicherweise nicht vorliegen, sollen dem militärisch-industriellen-Komplex (MIK) der Sowjetunion in Sibirien ca. 60% der Arbeitkräfte und 70% der Produktionsfonds des Maschinenbaus zur Verfügung gestanden haben. Diese Kapazitäten können derzeit zum großen Teil nicht genutzt werden. Ein Engagement westlicher Firmen in ehemaligen Großbetrieben des MIK müßte wohl stets auf Teile der Betriebe beschränkt bleiben, könnte aber unter dem Aspekt des Einsatzes hochqualifizierter Arbeitskräfte durchaus interessant sein.

So konnte ein deutsches mittelständisches Unternehmen auf dem Gelände eines ehemaligen Rüstungsgroßbetriebes in Omsk ein erfolgreiches Joint-venture zur Produktion von Fenstern, Türen, Fassaden- u. Dachkonstruktionen sowie Leichtbauelementen aus Metall etablieren. Ein nordeuropäischer Fahrzeughersteller plant gemeinsam mit einem MIK-Betrieb die Produktion von Autobussen in Omsk. Das Projekt könnte sich angesichts des traurigen Zustands, in dem sich die Verkehrsmittel in sibirischen Städten befinden, als sehr aussichtsreich erweisen. Ein westeuropäischer Hersteller von Haushaltsgeräten läßt im ehemals dem MIK zugehörigen Elektromechanischen Werk in Berdsk Rasierapparate montieren. Die Beispiele mögen als Beleg dafür gelten, daß auch Konversionsvorhaben sibirischer Unternehmen Chancen für ausländische Kooperationspartner bieten können.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien vier weitere Geschäftsfelder, in denen ausländische Firmen in Sibirien erfolgreich tätig sein könnten, aufgeführt: Russische Firmen verfügen über reiche Erfahrungen im Spezialmaschinen- bzw. Apparatebau sowie im diesbezüglichen Einsatz von Spezialwerkstoffen. In den Bereichen Raumflugtechnologie, Vakuum- und Hochdrucktechnologie, Energetik und Lasertechnik werden von ausländischen Wissenschaftlern und Geschäftsleuten insoweit Möglichkeiten für eine erfolgreiche Kooperation mit russischen Unternehmen gesehen, als deren Apparate und Spezialmaschinen, so sie mit westlicher Elektronik und westlichen Computersteuerungen ausgerüstet werden, in vielen Fällen qualitativ hochwertige und konkurrenzlos preiswerte Produkte darstellen können.

Die technische Ausstattung von Krankenhäusern und anderen Gesundheitseinrichtungen in Sibirien entspricht in vielen Fällen nicht dem gewünschten Standard. Obwohl in Zeiten des starken Rubels umfangreiche Käufe von Medizintechnik und Krankenhausausrüstungen – zumeist bei namhaften deutschen Herstellern – getätigt wurden, ist der Bedarf nach wie vor sehr groß. Da der Kurs des Rubel auf absehbare Zeit keine umfangreichen Käufe von Medizintechnik im westlichen Ausland zulassen wird, haben einige ausländische Hersteller begonnen, ihre Erzeugnisse für den russischen Markt und für Drittmärkte in Sibirien zu fertigen. Derartige Projekte wurden für die Produktion von Röntgengeräten und von lasergestützten Operationsgeräten bekannt.

Der oft kolportierten Einschätzung, wonach "die Zeit für den Umweltschutz in Rußland noch nicht reif" sei, kann an dieser Stelle erfreulicherweise widersprochen werden. Zwar trifft es zu, daß Hersteller von Umwelttechnik in Rußland noch nicht im großen Stile zum Zuge kommen, doch bereits Mitte der 90er Jahre hatten sich beispielsweise die Trinkwasser- und Abwasserreinigungsanlagen eines deutschen Technologiekonzerns in Sibirien als Verkaufshit erwiesen. Auch scheint in jüngster Zeit die Einführung "westlicher Verkaufskultur" in sibirischen Städten den Ruf nach Müllverbrennungsanlagen und Ausrüstungen zur Abfallbeseitigung zu verstärken. Die Zeiten ungehemmter Beseitigung gefährlicher Abfälle dürften auch in Sibirien endgültig vorüber sein; Nichtregierungsorganisationen, neu entstandenes Bewußtsein der betroffenen Bevölkerung und eine für dieses Thema aufmerksam gewordene Presse sorgten dafür. Vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund könnten sich für die traditionell erfolgreichen deutschen Anbieter von Umwelttechnologie gute Chancen aus einem Engagement in Sibirien ergeben.

Man stelle sich beispielsweise vor, daß in sibirischen Haushalten mit der Verbrauchsmessung von Trinkwasser oder Heizenergie begonnen wird. Anbieter solcher Geräte hätten einen einmaligen Markt vor sich. Allein die Herstellung von einfachen Absperrventilen für Zentralheizungskörper durch einen Nowosibirsker Kleinbetrieb erwies sich, da solche bisher nicht zum Einsatz kamen, als Erfolgsstory.

Ein bedeutender Absatzmarkt dürfte auch für Umweltüberwachungs- und Kontroll- bzw. Analysegeräte entstehen, sobald sich, was absehbar ist, staatliche Institutionen mit effektiven Umwelt- und Lebensmittelkontrollen zu beschäftigen beginnen. Auf einen Wachstumsmarkt könnten in Sibirien auch jegliche Art von Finanzdienstleistungen treffen. Obwohl russische Gesetze ausländischen Finanzdienstleistern und Versicherungsgesellschaften zur Zeit wenig Möglichkeiten für Geschäfte in Sibirien lassen, könnte z.B. angesichts des bereits erwähnten großen Interesses an gebrauchten Ausrüstungen und Anlagen jenseits des Ural zunächst ein interessanter Markt für Leasinggeschäfte entstehen.

3. Einige Beispiele für das sibirische Potential im Hochtechnologiebereich

Das in Fachkreisen weltbekannte Budker-Institut für Kernphysik im Nowosibirsker Akademgorodok erzielt mit in eigenen Produktionsanlagen hergestellten Erzeugnissen bereits jetzt einen jährlichen Umsatz von offiziell über 10 Mio. Dollar. Der Auftragseingang - insbesondere aus dem Westeuropäischen Ausland - wird als stabil bis steigend bezeichnet. Verkauft werden vor allem in Kleinserie hergestellte Geräte, die renommierte Institute wie beispielsweise das CERN in Genf in Auftrag geben. Budker liefert aber auch schwach radioaktive Substanzen, wie sie z.B. in der Medizintechnik Verwendung finden und deren Herstellung in Westeuropa aus verschiedenen Gründen wesentlich teurer wäre.

Erfolgreich gestaltete sich die Kooperation zwischen Budker und dem Kernforschungszentrum Rossendorf, mit dem eine langjährige Zusammenarbeit sowohl in der Grundlagen- als auch in der angewandten Forschung besteht. Gegenwärtig arbeiten beide Einrichtungen gemeinsam an der Entwicklung einer supraleitenden Hochfrequenz-Photoelektronenquelle. Ein derartiges Gerät sei weltweit noch nicht vorhanden; es könne sowohl in der angewandten Forschung als auch in der Industrie genutzt werden. Die Fertigung hochspezieller mechanischer Komponenten werde in Akademgorodok durchgeführt, die nötigen Laserentwicklungen in Deutschland vorgenommen. Die Endfertigung der Geräte wird gemeinsam von russischen und deutschen Spezialisten in Deutschland erfolgen. Gemeinsam agieren beide Institute auch beim Bau von Beschleunigern für Elektronen, Protronen und schwere Ionen, wie sie inzwischen bereits weltweit in der Industrie Anwendung finden und an Universitäten zum Einsatz kommen. Eine deutsche Firma zeichnet für Elektronik verantwortlich, das Budker-Institut baut den Apparat. Eine gemeinsame Vermarktung der Beschleuniger auf Drittmärkten ist vorgesehen. In einem neuen Projekt beschäftigen sich beide Forschungseinrichtungen gemeinsam mit der Herstellung eines niedrigdosigen Radiographiegeräts für die medizinische Diagnostik.

Das russische Unternehmen Sibertech bzw. die Firma EcoNova, einst als sogenannte Spin-off-Unternehmen gegründet, bauen und verkaufen hochempfindliche, tragbare Gas-Chromatographiegeräte, die am Institut für Wissenschaftlichen Apparatebau in Nowosibirsk entwickelt wurden. Die Geräte kommen beispielsweise bei der Suche nach Plastikminen oder Drogen zum Einsatz.

Das erfolgreiche Auftreten auf verschiedenen ausländischen Märkten (u.a. Deutschland) sei der Zusammenarbeit mit der Dr. Ing. Herbert Knauer GmbH für wissenschaftlichen Gerätebau in Berlin zu verdanken. Dem Institut für Laserphysik bzw. seinem "spin-off", dem Sibirischen Laserzentrum, gelang die Entwicklung und Herstellung einer Reihe von preisgünstigen Erzeugnissen der lasergestützten Medizintechnik, die gemeinsam mit der US-Firma "International Development Partners" u.a. in den USA und in China vermarktet werden. Das gemeinsam von SORAN und der deutschen Firma Bruker Medizintechnik und Analytik GmbH in Rheinstetten bereits 1989 gegründete Internationale Tomographiezentrum entwickelte neue Methoden der Tomographie des Kopfes und der Tomographie weicher Gewebe. Das Zentrum verfügt über drei Laboratorien und beschäftigt sich mit unterschiedlichen Themen von der Untersuchung kurzlebiger Radikale bis zur Entwicklung neuer Technologien, die sich aus jüngsten Entdeckungen von Magnetfeldeffekten ergeben könnten.

Die deutsch-russische Raumfahrtkooperation bei der Realisierung des DLR-Projektes "Proteus" verbindet die DaimlerChrysler Aerospace im Zuge der Vorentwicklung eines neuen Navigationssatellitensystems mit der Firma NPOPM in Zhelesnogorsk bei Krasnojarsk. Als einer der "wichtigsten russischen Betriebe auf dem Gebiet der Konstruktion und des Baus von Kommunikationssystemen für die Raumfahrt, von Navigations- und Geodäsie- und Antennensystemen sowie der Projektierung und Herstellung von Satellitensystemen und Satellitenumlaufsteuerungen", so die Eigenwerbung im Internet, könnte dieses Unternehmen sicherlich für deutsche Firmen und Institute mit vergleichbarem Profil ein interessanter Partner sein. Ein am 8.12.99 in Zhelesnogorsk abgehaltenes Geschäfts- und Wissenschaftsforum "Technopolis Zhelesnogorsk" diente ausschließlich der Frage, wie das vorhandene Wissenschaftspotential in den Bereichen Raumforschung, Chemie, Metallurgie und Elektronik für industrielle Anwendungen genutzt werden könnte. 1[7]1

Biotechnologien sind derzeit in allen Industrieländern gesucht. Verschiedenartige staatliche und privatwirtschaftliche Forschungsvorhaben sind Beleg für die wachsende Wichtigkeit des Forschungsgebietes Biotechnologie für die Volkswirtschaften. In das ehemals "geschlossene" und weithin unbekannte Staatliche Forschungszentrum für Virologie und Biotechnologie VECTOR in Kolzowo (bei Nowosibirsk) flossen bis Anfang der 90er Jahre überdurchschnittlich viele Investitionen des Staates, da dort möglicherweise Biowaffen entwickelt wurden. Auch gegenwärtig gilt VECTOR als hochmoderner Standort der biologischen Forschungen. VECTOR umfaßt mehrere Institute in den Fachrichtungen Bioengineering, bioaktive Wirkstoffe, Erforschung von Zellkulturen sowie Molekularbiologie und beschäftigt über 1.000 Mitarbeiter. Auf dem Forschungsareal um VECTOR sind mehrere Dutzend Spin-off-Unternehmen und eine Versuchsfarm angesiedelt. VECTOR, das über Anlagen für spezielle Produktionsverfahren, z.B. unter Quarantänebedingungen verfügt, forscht in einzelnen Projekten gemeinsam mit Einrichtungen in Deutschland, Großbritannien, den USA sowie mit der WHO. Neben der Biotechnologie gehören Grundlagen- und angewandte Forschungen auf den Gebieten der Molekularbiologie und der Virologie zu den Tätigkeitsschwerpunkte von VECTOR. Wichtige Investitionsprojekte sind derzeit der Herstellung von Ridostin, einem Antibiotikum, und der mikrobiologischen Synthese von Human-alpha-2-interferon (Reaferon) gewidmet. Mitarbeiter von VECTOR bekundeten stets großes Interesse an Gemeinschaftsvorhaben mit Partnern in Deutschland.

Das Berdsker Werk für "mikrobiologische Präparate", eine der wichtigsten Produk­tionsstätten für mikrobiologische Produkte in Rußland, stellt Enzyme für die Lebensmittel- und Leichtindustrie, Fermente, Wirkstoffe für den Umweltschutz (z.B. gegen Ölverschmutzungen), biologische Pflanzenschutzmittel und Antibiotika für die Veterinärmedizin her. Das Werk tritt mit seinen anerkannt hochklassigen Produkten bereits seit längerer Zeit erfolgreich auf wichtigen asiatischen und westeuropäischen Märkten (u.a. Deutsch­­land) in Erscheinung.

Die Medizinische Akademie Nowosibirsk wendet neue Verfahren bei der Behandlung großflächiger Wunden und eine "künstliche Haut" (Fibroplast) an. Sie verfügt eigenen Angaben zufolge über eine Organbank embryonaler Haut. Auch sei man an der Akademie in der Lage Transplantationen embryonaler Nervenzellen (eigene Organbank) durchzuführen. Partner für die Anwendung eines neuen Verfahrens für Knochenmarkstransplantationen würden gesucht.

Nachfolgend seien einige marktfähige Produkte, die in Instituten der SORAN in Akademgorodok entwickelt wurden, aufgeführt: Dem Institut für Katalyse gelang die Herstellung und Markteinführung eines Klebstoffes mit antibakterieller Wirkung zur Verbindung lebender menschlicher Gewebe. "Sulfocrylate medical glue" sei für den Einsatz in der Kinder-, Herz-, Augen- und Mikroneurochirurgie sowie für Operationen des Verdauungstrakts und der Atmungsorgane geeignet. Seine Anwendung gehe mit der Verkürzung von Heilungszeiten einher. Der Klebstoff sei in Krankenhäusern in Moskau, St. Petersburg und Nowosibirsk erprobt worden und vom russischen Gesundheitsministerium zugelassen. Das Institut für Laserphysik produziert neben den schon erwähnten Geräten zur medizinischen Behandlung auch Laserphotoplotter und Hologramme zur Datenspeicherung. Dem Institut für Mineralogie gelang die Herstellung von ungewöhnlich leichten Baumaterialien (Ziegel in beliebigen Größen, Farben, Mustern) aus einem Aluminiumsilikat-Glasschaum-Kristallit-Gemisch auf Zeolitbasis mit außergewöhnlich guten Dämmeigenschaften. Das Institut für Hydrodynamik bietet verschiedene auf Hydroimpulstechnik basierende Bohrgeräte, Kanalreinigungsmaschinen und Stoßbohrgeräte für unterirdische Kanäle bis 1,40 m Durchmesser. Das Institut für Thermophysik bietet Anlagen zur Hochtemperatur-Ab­was­ser­be­handlung, Gasanalysegeräte und Schockwellengeneratoren für Reinigungszwecke an und stellt Lithiumbromid-Wärmepumpen mit Kapazitäten von zwei bis fünf Megawatt her. Das Nowosibirsker Institut für Bioorganische Chemie produziert DAN-Synthe­sizser, Enzyme, Antikörper sowie medizinische Diagnostika und andere Fein­che­mikalien. Außerdem führt es Tritiumisierung von beliebigen Stoffen und Körpern aus.

Neben Forschungsinstituten bieten auch eine Reihe von Produktionsbetrieben in Nowosibirsk Ansatzpunkte für Kooperationsvorhaben im High-tech-Bereich. So ist man im Tschkalow-Flugzeugwerk (dem Vernehmen nach auch Standort für die Produktion der bekannten SU-Kampfflugzeuge) an einer Gemeinschaftsproduktion von kleineren Regionalflugzeugen mit ausländischen Partnern interessiert. Das Nowosibirsker "Chimkombinat" NSHK, spezialisiert u.a. auf die Herstellung von Brennelementen für Kernkraftwerke, auf die Uran- und Lithiumverarbeitung sowie auf die Verarbeitung uran- und lithiumhaltiger Materialien, kooperiert bereits mit einem namhaften deutschen Hersteller gleichartiger Produkte. Der Generatorenproduzent Elsib sei bereits mit General Electric, ABB und Hitachi erfolgreich auf Drittmärkten aufgetreten und sucht Kooperationen mit deutschen Unternehmen der Branche. Das Nowosibirsker Instrumentenwerk, einst spezialisiert auf Panzerzielgeräte, bietet laseroptische Einrichtungen für verschiedenste Anwendungsgebiete, und die Firma "Radio und Microel" würde gern auch für ausländische Auftraggeber elektronische Kartensysteme bzw. "smart cards" für den bargeldlosen Zahlungsverkehr herstellen. Auf die Produktion von atmosphärischen Laserkommunikationslinien hat sich die im Nowosibirsker Technopark ansässige Firma "Information & Technology Centre" spezialisiert. Das Elektronikkombinat / elektromechanische Werk in Berdsk, einst die beste Produktionsstätte für Kommunikationstechnik im Lande, hat sein Produktionsprofil diversifiziert, montiert u.a. Hauhaltsgeräte für einen westeuropäischen Hersteller und ist an weiteren Kooperationsvorhaben mit in- und ausländischen Firmen interessiert.

Die aufgeführten Beispiele lassen den Schluß zu, daß es sibirischen Firmen weder an High-tech-Potential noch an Kooperationsbereitschaft gebricht. Offenbar haben aber internationale Investoren, die den russischen respektive sibirischen Markt in den Jahren 1992 bis 1995 mit höchsten Erwartungen betraten und sich im Zeitraum 1996-1998 vielfach wieder von ihm abwandten bzw. ihre Engagements - etwa durch Abzug entsandten Personals - einschränkten, ihr Vertrauen in die russische Wirtschaft noch nicht wiedergewonnen. Einerseits steht außer Zweifel, daß die Zeiten der "ökonomischen Schocktherapie" und der Goldgräberstimmung, der schlecht gesteuerten Privatisierungen mit hemmungslosen Bereicherungen und (de facto) massiven Zusammenbrüchen von Wirtschaftssubjekten vorüber sind. Andererseits sind vielerorts in Sibirien Tendenzen zu wachsender staatlicher Einflußnahme auf profitabel wirtschaftende Unternehmen spürbar und sind Forderungen wie "sozialistische Marktwirtschaft" oder "Verstaatlichung von Schlüsselindustrien" - zumeist unter dem Vorwand, die Wirtschaftskriminalität eindämmen zu müssen - populär. Es bleibt zu hoffen, daß der amtierende Präsident Putin Rußland in eine Phase innen- und wirtschaftspolitischer Stabilität führen kann, derer die russische Wirtschaft dringend bedarf.

4. Praktische Hinweise zum Aufbau von Kooperationen und zur Suche nach potentiellen Wirtschaftspartnern in Sibirien

Kooperationssuchende werden in Sibirien von einer ungewöhnlichen Deutschfreundlichkeit überrascht sein, die zum einen von einem hohen Bevölkerungsanteil sogenannter Rußlanddeutscher herrührt. Zum anderen besteht nach vielen Jahrzehnten eingeschränkter Freizügigkeit generell eine großen Aufgeschlossenheit "dem Westen" gegenüber. Deutschland das unterschwellig mit ganz Westeuropa gleichgesetzt wird, ist zusätzlich deshalb von großem Interesse für die Sibirjaken, weil sie sich des herausragenden Beitrages deutscher Wissenschaftler an der Erschließung Sibiriens durchaus bewußt sind. Hinzu kommt latente Skepsis gegenüber der eigenen Metropole, Moskau, "da von dort in der Vergangenheit nicht viel Gutes kam".

Gut beraten wird deshalb der Geschäftsmann sein, der den sibirischen Markt nicht mit Hilfe von "Moskauer Strukturen" erobert. Geraten wird zu direkten Kontakten mit den sibirischen Regionen. Wichtig ist, einen deutschen Entsandten oder Vertreter mit der Markterschließung zu beauftragen. Einem Ausländer, Kaufmann oder Techniker, der sich in Sibirien durchzusetzen vermag und dazu noch in russischer Sprache kommunizieren kann, wird hohe Achtung entgegengebracht. Er wird in vielen Fällen mehr erreichen, als sein einheimischer Kollege. Kundenberatungen oder Produktschulungen sollten in russischer Sprache erfolgen. Dauerhafte geschäftliche Erfolge werden sich in Sibirien mehr als erwartet durch guten "after-sales-service" und geduldige Kundenpflege einstellen, da man solcherart "Zugaben" in Zeiten der Staatsverwaltungswirtschaft nicht kannte.

Intensive Beratung sollte für die Wahl der Rechtsform einer sibirischen Niederlassung eingeholt werden. Auch deutsche Großkonzerne treten in manchen Fällen nicht allein, d.h. nicht unter eigenem Namen, auf dem sibirischen Markt in Erscheinung. Eine sehr erfolgreiche Form der Kooperation hat Siemens (Automatisierungstechnik) für seine Sibiriengeschäfte gefunden: Die von Wissenschaftlern der Nowosibirsker Technischen Universität gegründete Firma Sinetik bietet exklusiv Produkte und Dienstleistungen von Siemens an. Ein entsandter Siemens-Mitarbeiter koordiniert die Kontakte zum Stammhaus und konzentriert sich ansonsten auf das operative Geschäft. Bei Kundenkontakten tritt er mit Geschäftsführern von Sinetik gemeinsam in Erscheinung um den Bezug zu Siemens zu betonen. Mit nachgeordneten Aufgaben wie z.B. Service und Wartung, Zahlung von Steuern sowie Löhnen und Abgaben für Mitarbeiter, Zollformalitäten, Beschaffung von Lager- und Bürokapazitäten beschäftigt sich Sinetik; Siemens bleibt dabei im Hintergrund bzw. tritt gar nicht in Erscheinung.

Für den Aufbau langfristiger Geschäftsbeziehungen zu Unternehmen in Sibirien bieten sich auch die Managerausbildungsprogramme der Carl-Duisberg-Gesellschaft (Jelzin-Initiative) an. Ein junger sibirischer Manager, für einen oder mehrere Monate in Deutschland geschult, wird in den meisten Fällen nicht ungern in der Heimat für sein Partnerunternehmen tätig werden.

Für Hilfe bei der Suche nach potentiellen Kooperationspartnern in Sibirien stehen verschiedene deutsche oder russische Institutionen zur Verfügung. Das Delegiertenbüro der deutschen Wirtschaft unterhält ein Büro in Nowosibirsk. Auch das Auswärtige Amt in Berlin, die Deutsche Botschaft in Moskau und das Deutsche Generalkon­su­­lat in Nowosibirsk bearbeiten Anfragen deutscher Firmen. Mitarbeiter des Generalkonsulates stehen deutschen Geschäftsleuten auf Wunsch zu Hintergrundgesprächen beispielsweise über aktuelle wirtschaftliche Entwicklungen zur Verfügung und können in den meisten Fällen bei der Kontaktaufnahme zu den örtlichen Administrationen mitwirken. Informationen von Spezialisten, die in den sibirischen Regionen im Rahmen von Tacis-Projekten tätig sind, haben sich gelegentlich ebenfalls als nützlich für Markteinsteiger erwiesen. Kontakte zu High-tech-Bereichen der Wirtschaft können in vielen Fällen sicherlich über die Institute der SORAN 1[8], über Technoparks in Nowosibirsk, Krasnojarsk und Tomsk sowie über technische Universitäten hergestellt werden. Auch russische Regional- und Stadtverwaltungen widmen sich der Wirtschaftsförderung, wobei reine "Abteilungen für internationale Beziehungen" nicht in jedem Fall mit der in Deutschland erwarteten Effektivität agieren. Eher von untergeordneter Bedeutung sind sibirische Handelskammern und kommerzielle "Wirtschaftsförderungsdienste"; ihr Serviceangebot ist teilweise unzureichend, die Preise für Dienstleistungen überhöht.

5. Finanzfragen und gesetzliche Rahmenbedingungen

Finanzoperationen sind im Rußlandgeschäft stets mit besonderen Risiken verbunden. Dies wurde im Zusammenhang mit dem "Default" am 17.8.98 auch in Sibirien deutlich. Die größten Verluste in Geschäften mit sibirischen Partnern erlitten aber diejenigen ausländischen Marktteilnehmer, die ihre Konten bei bis dato als sicher eingeschätzten Moskauer Großbanken geführt hatten. Von den landesweit agierenden Moskauer Banken scheinen derzeit nur die Sberbank und die Wneschtorgbank Gewähr für zuverlässige Geschäftstätigkeit im Sinne ausländischer Geschäftsleute zu bieten.

Eine Chance, Währungsrisiken zu minimieren, liegt darin, notwendige Rubelkonten bei sibirischen Regionalbanken zu führen. Diese verfügen in der Regel über ausreichende liquide Mittel, die - mangels geeigneter Möglichkeiten - nicht in die Produktion investiert, sondern auf Konten der Zentralbank gehalten werden. Bevorzugt werden sollten solche sibirischen Kleinbanken, die personell bzw. institutionell (Pensionsfonds) mit den jeweiligen Regionalverwaltungen verbunden sind.1[9] Im übrigen ist die Commerzbank - als einziges deutsches Kreditinstitut - mit einer Niederlassung in Sibirien (Nowosibirsk) vertreten. Generell gilt, bei Finanzoperationen dauerhaft vorsichtig zu bleiben. Schlechte Erfahrungen haben deutsche Geschäftsleute mit sogenannten Regionalgarantien (beispielsweise im Altaiskij Kraij) gemacht. Deutsche Geschäftsleute berichten jedoch, daß die oft kolportierte Angst vor "autoritären" Gouverneuren bzw. Regionalverwaltungen unangebracht ist. In Regionen mit relativ großem staatlichen "Einfluß" auf die regionalen Wirtschaftssubjekte sei die Zahlungsmoral generell besser, Schutz vor Erscheinungen der Wirtschaftskriminalität eher gegeben.

Seit 14.7.99 ist auch in Sibirien das neue russische Gesetz über ausländische Investitionen in Kraft: Ausländische und inländische Investoren haben prinzipiell gleiche Rechte. Die freie Verwendung und der freie Transfer von Gewinnen werden zugesichert. Ausländische Investoren können ebenso wie inländische an Privatisierungen teilnehmen. Erwerb von "Rechten an Grund und Boden" ist prinzipiell möglich. Das neue Gesetz wird von in- und ausländischen Ökonomen insgesamt als wenig hilfreich bezeichnet. Beispielsweise ist der dritte Teil des Zivilgesetzbuches (u.a. Bodenrecht) noch nicht in Kraft und wird auch in absehbarer Zeit nicht in Kraft treten, so daß von Bodenerwerb im westlichen Sinne des Wortes zunächst in den meisten Fällen nicht die Rede sein kann. Zur Frage des Grunderwerbs durch ausländische Investoren ist allerdings anzumerken, daß einzelne Regionen inzwischen eigene Gesetze über den Grunderwerb schaffen. In Sibirien ist das Pachten sowohl von landwirtschaftlich genutzten Flächen als auch von städtischen Grundstücken für 49 Jahre vielfach möglich, was genügend Sicherheit für Engagements ausländischer Firmen bieten dürfte.

Problematischer stellt sich die Situation hinsichtlich der sogenannten "Großväterchenklausel", die ausländischen Investoren maximal sieben Jahre Schutz vor verteuernden Gesetzesänderungen bieten soll, im neuen Gesetz dar. Die Klausel gilt nur für "Prioritätsprojekte" (500 Mio. Rubel Gesamtvolumen oder ausländischer Anteil von mindestens 50 Mio. Rubeln) und benachteiligt damit Engagements kleinerer oder mittelständischer Investoren.

Ein neues Rahmengesetz über den Arbeitsschutz in der Russischen Föderation ist seit 17.7.99 in Kraft. Es stellt einerseits einen demokratischen Ansatz zu individuellen und Gruppenanspruchsrechten dar, legalisiert andererseits aber beispielsweise Arbeitsverweigerungen bei "vermuteten Gefährdungen", bis ein "gefahrloser Zustand" (nachzuweisen durch den Arbeitgeber) hergestellt ist. Ausfallzeiten gehen zu Lasten der Arbeitgeber.

Das Insolvenzrecht wurde mit Wirkung vom 1.3.98 neu geregelt. Die Befriedigung von Gläubigerforderungen ist jedoch nicht garantiert, da z.B. Lohnzahlungen Vorrang vor durch Pfandrechte gesicherten Forderungen haben. Außerdem wird das Insolvenzrecht teilweise auch als Waffe im außerökonomischen Konkurrenzkampf genutzt. Geringste Zahlungsrückstände können von Administrationen 1[110] zur Bestellung eines staatlichen Verwalters genutzt werden, der Geschäftsentscheidungen dann umfassend im Sinne der Administration fällt und betriebliches Privateigentum z.T. sehr schnell in staatliches Eigentum überführt.

Einige sibirische Regionen schaffen derzeit eigene Wirtschaftsförderungsgesetze und Wirtschaftsförderungsinstitutionen. So wurden in Nowosibirsk 1999 ein Gesetz zur Förderung von KMU und ein Investitionsfördergesetz verabschiedet und gemeinsam mit der US-amerikanischen Businessorganisation "International Development Partners" ein Investitions(ver)sicherungsfonds geschaffen. Geplant sei außerdem, die nahe Nowosibirsk gelegenen Wissenschafts- und High-tech-Standorte Akademgorodok, Berdsk und Kolzowo zu einer Sonderwirtschaftszone zusammenzufassen. In Krasnojarsk stehen insgesamt drei Gesetze zur "Investitionsstimulierung" zur Verabschiedung an. Die Barnauler Administration erließ im Dezember 1998 ein Gesetz über Investitionsaktivitäten in der Altairegion. Wegen weiterhin ungelöster Schadensfälle hat die Bundesregierung noch nicht über Neueindeckungen im Rahmen des Hermes-Instrumentariums entschieden. Neugeschäfte liegen deshalb auf Eis.

6. Risiken

Nicht überall und nicht in jedem Fall sind sibirische Administrationen und Wettbewerber gewillt, sich ausländischen Engagements zu öffnen. Staatliche und andere Interventionen gegen ausländische Firmen können für diese erhebliche Geschäftsrisiken bergen. Euphorische Zusicherungen, die potentiellen ausländischen Investoren von lokalen Administrationen schnell gegeben werden ("Kommen sie zu uns und wir lösen alle Probleme"), stehen oft im Widerspruch zu Schwierigkeiten, die sich in späteren Phasen eines Projektes ergeben können. An einigen sibirischen Standorten soll das Investitionsklima durch Korruption und staatliche Eingriffe notorisch beeinträchtigt sein.

Hohe Auslandsschulden, die starke Verschuldung der öffentlichen Hand auf regionalen Ebenen und der eingeschränkte Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten bergen erhebliche Kursrisiken für die russische Währung. Da grundlegende, auf Wachstum gerichtete Wirtschaftsreformen ausblieben, beruhte die relative Stabilität des Rubel seit etwa Dezember 1998 größtenteils auf Interventionen der russischen Zentralbank und auf stark gestiegenen Staatseinnahmen in Folge höherer Weltmarktpreise für russische Exportprodukte. Ein Rückgang der Rohstoffpreise birgt die Gefahr eines erneuten Inflationsschubs und eines erneuten Rubelkursverfalls.

Zahlungsrisiken ergeben sich aus der weitverbreiteten Finanzknappheit bei russischen Partnern. Geschäfte größeren Umfangs sind oft nicht zu realisieren, weil Vorkasse nicht geleistet werden kann und akzeptable Sicherheiten nicht vorhanden sind. Sogenannte Regionalgarantien sollten höchstens ergänzend berücksichtigt werden.

Zu den besonderen Risiken des russischen Marktes müssen auch seine schnell wechselnden Zollvorschriften und die gelegentlich höchst unterschiedliche Auslegung derselben an verschiedenen Orten gezählt werden. "Die Planvorgaben des Staates für die Zolleinnahmen wurden 1999 merklich erhöht, ungeachtet des drastischen Rückganges des Außenhandelsvolumens. Das Zollregime der ‘befristeten Einfuhr’ für internationale Repräsentanzen wurde im Laufe des Jahres 1999 abgeschafft. Dadurch wurden zahlreiche ausländische Firmenvertretungen mit hohen Nachzahlungsforderungen des Zolls konfrontiert."1[11]1

Partiell marode Infrastrukturen bergen gelegentlich Transport- und Versorgungsrisiken. Eine kohärente Verkehrspolitik fehlt weitgehend. Eine vieldiskutierte Flugroute von Sibirien über das Nordpolargebiet nach Kanada und in die USA hätte zwar gute wirtschaftliche Perspektiven, scheiterte bisher jedoch an fehlender Boden-Infrastruktur im hohen Norden Sibiriens. Diese soll aber z.Zt. in der Region Krasnojarsk geschaffen werden. Die Lufthansa, die als einzige westliche Fluggesellschaft nach Sibirien (Nowosibirsk) flog, stellte diese Strecke aus Gründen mangelnder Wirtschaftlichkeit 1998 ein. Ein stark gesunkenes Verkehrsaufkommen in Folge rückläufiger Industrieproduktion führte auch bei der Eisenbahn zu Kostendruck, der die Mittel für ohnehin dringend nötige Investitionen in die Infrastruktur limitierte.

Analog ist die Situation der Versorger (Elektroenergie, Wasser, Wärme). Die Versorgung mit Elektroenergie ist allerdings weitgehend stabil und zuverlässig. Ungewöhnlich teuer sind internationale Kommunikationsdienstleistungen, die jedoch (einschließlich Internet) flächendeckend und zuverlässig angeboten werden.

Ein besonderes Risiko besteht in einer Entindustrialisierungstendenz, speziell in solchen Regionen, deren Industrie beispielsweise durch Maschinenbau und/oder Rüstungsbetriebe dominiert ist. Skepsis ist bei der Bewertung von föderalen Regionalprogrammen, z.B. dem "Wissenschaftlich-technischen Regionalprogramm Sibir", an dessen Verwirklichung seit 1978 in verschiedenen Phasen gearbeitet wird, geboten. Im Zusammenhang mit solcherart Projekten werden gelegentlich gewaltige Summen genannt. Die Vorhaben sind jedoch meist sehr abstrakt, und finanzielle Zusagen können wegen der allgegenwärtigen Zahlungsschwierigkeiten oft nicht eingehalten werden.

7. Ausblick und Zusammenfassung

Wahrscheinlich wird im Frühsommer 2000 ein Deutsch-Russischer-Kooperationsrat tagen. Deutscherseits werden von ihm konkrete Aufträge und Lösungsansätze für die bilaterale Wirtschaftszusammenarbeit erwartet. Ein für März 2000 geplanter Deutschlandbesuch sibirischer Gouverneure anläßlich der Hannovermesse mußte wegen der vorgezogenen Präsidentenwahlen auf den 6.-12.Juni 2000 (Weltausstellung/ Hannover, München, Berlin) verschoben werden. Die Durchführung einer Deutsch-Sibirischen Wirtschafts- und Technologiekonferenz in Nowosibirsk (Akademgorodok) ist für Ende September 2000 - eventuell in Zusammenhang mit einer Delegationsreise des BMWi nach Sibirien - geplant.

Obwohl in Rußland respektive Sibirien die Phase des marktwirtschaftlichen Erwachens noch nicht abgeschlossen ist, bieten Kooperationen mit sibirischen Firmen und Instituten in vielen Wirtschaftsbereichen für ausländische Firmen reale Chancen. Produzieren in Sibirien ist im Hochtechnologiebereich besonders profitabel, insbesondere dann, wenn Erzeugnisse zu russischen Kosten auf westliche Märkte gelangen. Die Absatzbemühungen westlicher Unternehmen in Sibirien sollten sich zur Zeit auf potente Rohstoffexporteure oder die Wirtschaftszweige Bauwesen sowie Lebensmittelherstellung und Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte konzentrieren. Die Chancen, die sich deutschen Firmen auf dem sibirischen Markt bieten, überwiegen seine Risiken.

Abkürzungen und Anmerkungen

KMU - kleine und mittelstandische Unternehmen
MIK - militarisch-industrieller Komplex ' SiAb - Regionalvereinigung "Sibirisches Abkommen"
SORAN - Sibirische Abteilung der russischen Akademie der Wissenschaften
Tacis - Technical Assistance for the Commonwealth of Independent States, ein Forderprogramm der EU

[1]Die Anteile betragen ca.: Öl 70%, Erdgas 80%, Kohle 70%, Buntmetalle 80 %.

[2] Es gehört zu den Besonderheiten der russischen Statistik, geförderte Rohstoffe wertmäßig unter Industrieproduktion zu subsumieren.

[3] Da Zölle von ca. 20% die Einfuhr von dringend benötigten Landmaschinen unrentabel machen, montieren ausländische Anbieter.

[4] Die Messen ‘Stroisib’ in Nowosibirsk gehören zu den wichtigsten in Sibirien. Sie zogen in den vergangenen Jahren Aussteller aus Deutschland, Österreich, Belgien, Dänemark, Großbritannien, Finnland, Frankreich, Israel, Italien, Südkorea, Spanien, Schweden und den USA an.

[5] Zumeist handelt es sich um den Bau einer zweiten Landebahn, die Schaffung von Lagerkapazitäten und den Um- bzw. Neubau von Abfertigungshallen zwecks Erwerb des Status eines internationalen Flughafens.

[6] Die russischen Ausgaben für Forschung und Entwicklung sanken von 2% des BSP im Jahre 1989 auf nur noch 0,94% des BSP 1997. Berücksichtigt man den Rückgang des BSP, so wird deutlich, daß die Aufwendungen des Staates für F.u.E. im genanten Zeitraum auf 25% gesunken sind. Der staatliche Rückzug aus der Forschungsförderung wird von führenden Persönlichkeiten der SORAN als ungeordnet und konzeptlos bezeichnet. Die Zahl der Beschäftigten der SORAN ist seit 1990 um 30% gesunken. Hochqualifizierte Nachwuchswissenschaftler mit Fremdsprachenkenntnissen wandern ab.

[7] Das Forum stand wahrscheinlich in Zusammenhang mit der am 6.12.99 von der Föderalregierung dekretierten Aufhebung von staatlich gewährten Vergünstigungen für ‘geschlossene Städte’. Zhelesnogorsk war seit seiner Gründung 1949 auf keiner Landkarte verzeichnet und hatte seit 1992 den Status einer ‘Geschlossenen Administrativ-Territorialen Einheit’ des Kernenergieministeriums.

[8] Die SORAN stellt sich in ansprechender Art und Weise auch im Web vor. Über: http://www.sbras.nsc.ru sind auch die meisten Akademie-Institute erreichbar.

[9] Folgende Geldinstitute gelten als sichere respektive ‘Hausbanken’ der Regionalverwaltungen:
In Nowosibirsk die Nowosibirsk Wneschtorgbank; in Krasnojarsk die Bank Kedr; in Kemerowo die Kusbassugolbank und die Taidonbank.

[10] Begehrlichkeiten wecken oft florierende Unternehmen, an denen staatliche Stellen bereits Anteile halten.

[11] Verbandsnachrichten Nr. 10, Verband der deutschen Wirtschaft in der Russischen Föderation, Dezember 1999.